Interview mit Jan Miczaika - Hitflip
8. November 2006
Internetszene.com startet mit einer Interview-Reihe. Als erster Interview-Partner stand Jan Miczaika, Gründer von Hitflip, Rede und Antwort. Jan spricht über die Pläne von Hitflip, Web2.0 Services und welche Rolle Blogs als Marketinginstrument spielen.
Was ist Hitflip und wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Hitflip ist Europas größte Tauschplattform für Mediengüter. Unsere Mitglieder tauschen untereinander DVDs, CDs, Hörbücher, Bücher und Spiele. Hitflip ist also eine legale P2P-Plattform.
Wir drei haben in einem Dorf bei Koblenz studiert. Dort schaut man dann natürlich viele DVDs. DVDs sind teuer, studentische Budgets sind begrenzt, da tauscht man schon mal untereinander. Irgendwann haben wir gedacht: wäre es nicht super, wenn alle miteinander tauschen würde? Hitflip war geboren.
Wie lautet eure Vision?
Unsere Vision ist einfach: Eine große, liquide Tauschplattform für Mediengüter, auf der diskutiert, empfohlen und getauscht wird. Es soll Spaß machen!
Wie ist der Name für euren Service entstanden? Hat er eine Bedeutung?
Der Name ist beim Brainstorming entstanden. Hits ist klar, Hits will jeder haben. Ob neue oder alte Sachen, Hits machen Spaß. Und flip symbolisiert für uns das tauschen, weggeben.
In den USA hat sich die erfolgreiche Plattform Peerflix ganz auf DVD-Tausch konzentriert. Welche Gründe waren für euch ausschlaggebend, aus Hitflip step-by-step eine Multi-Kategorie-Plattform zu schaffen?
Die Mitglieder haben es verlangt! Wir sind mit DVDs gestartet. Nach wenigen Wochen haben wir gemerkt, dass das eigentlich zu kurz kommt. Wer guckt schon nur Fernsehen? Deswegen mussten bald neue Kategorien eingeführt werden. Zuletzt kamen übrigens Bücher dazu.
Was spricht für einen Tausch der Produkte bei Hitflip und gegen einen Verkauf bei eBay?
Naja bei eBay sieht der Prozess so aus: ich stelle was ein, baue eine Anzeige, überlege wann die Auktion enden soll. Dann warte ich auf das Ende der Auktion. Ich warte drauf, dass ich das Geld bekomme und verschicke dann die Ware.
Bei Hitflip gebe ich die Nummer beim Barcode ein, um den Artikel zu erfassen. Wenn jemand den Artikel haben möchte, kriege ich eine e-Mail mit den Versandinformationen. Fertig!
Wie sieht das Business-Modell von Hitflip aus?
Wir verlangen pro Transaktion eine kleine Gebühr (€ 0,99) vom Empfänger der Ware. Er bekommt also einen Artikel für € 0,99. Abos oder so gibt es nicht. Werbung auf der Plattform machen wir bisher nicht.
Es sind mit den Samwer Brüdern, Lukasz Gadowski, einige namhafte Investoren an Bord. Ihr habt euch für die Variante mit mehreren kleineren Investoren entschieden Warum?
Wir waren zu einem Zeitpunkt äußerst knapp bei Kasse. Da haben uns vermögende Privatpersonen, die Hitflip gut fanden, unterstützt. Mit diesen Investoren sind wir so gut gefahren, dass wir eigentlich keine großen institutionellen Geldgeber mehr wollten. Vielleicht kommt das noch, danach sieht es derzeit aber nicht aus.
Auf welchen Märkten ist Hitflip bereits vertreten und in welchen Ländern wollt ihr als nächstes das Tauschen revolutionieren?
Deutschland (unser Kernmarkt) und seit Anfang November auch in Österreich! Jetzt sind die Schweiz, Großbritannien und die Niederlande dran. In welcher Reihenfolge wir die angehen wird derzeit noch endgültig entschieden.
Kannst du ein paar Zahlen zu Hitflip nennen. Wie viel Nutzer habt ihr, wie viel Produkte werden täglich getauscht; Was tauscht sich besonders gut? Wie sieht’s mit den Wachstumszahlen aus?
Zahlen nennen wir immer ungerne. Derzeit sind über 150.000 Artikel auf der Plattform eingestellt. Die meisten sind immer noch DVDs, aber z.B. der Bereich Bücher wächst sehr schneller. Das sind ja auch die größten Märkte. Wenn man sich die Anzahl der unterschiedlichen Artikel anschaut, wird klar, dass wir z.B. im Hörbuch-Bereich bereits einen guten Teil des Marktes abdecken. Unser Wachstum, je nach Kennzahl, bewegt sich derzeit zwischen 20 und 30% monatlich.
EMI-Chef Alan Levy sorgte kürzlich für Aufsehen, als er die CD für tot erklärte. Wie sieht die Zukunft von Hitflip aus? Befürchtet ihr nicht, mit großen Musik- und Filmdiensten im Internet nicht mithalten zu können. Die Entwicklung läuft ja definitiv auf digitale Mediengüter hinaus.
Für einen guten Download-Dienst braucht man 4 Sachen:
1) die Inhalte
2) die DRM-Technologie
3) die Zugangswege
4) die Käufer.
Punkt 4 haben wir. Punkt 1 wird dahin gehen, wo Punkt 4 ist. Punkt 3 ist im stationären Bereich (also kein Handy) für mich nicht mehr relevant. Punkt 2 wird man entweder kaufen können oder selbst machen.
Ich sehe uns sehr gut positioniert, wenn Download-Dienste aktuell werden. Das wird auch sicherlich irgendwann sein. Aber wir rechnen erst in 3-4 Jahren damit, dass die Masse auch nur ansatzweise erreicht wird. Bis dahin haben wir einen tiefen, liquiden Medienmarkt mit vielen (hoffentlich begeisterten) Mitgliedern.
Mit welchem Marketinginstrument generiert Hitflip am meisten Umsatz?
Wir setzen derzeit sehr stark auf Keyword buying, unser Partnerprogramm und SEO. Werbebuchungen auf Festpreisbasis machen wir zwar auch, aber nicht so viel.
Wie ich gelesen habe, hat Hitflip von Beginn an Blogs im Marketingplan berücksichtigt. Welche Rolle spielen Blogs als Marketinginstrument?
Die Blogs sind ein kompliziertes Thema. Wir pflegen selber zwei Blogs. Während die Zugriffszahlen natürlich im Vergleich zur Hauptseite minimal sind, wird dort viel diskutiert. Ich habe auch das Gefühl, dass einige Multiplikatoren unseren RSS-Feed abonniert haben, was natürlich super ist. Wir versuchen aber auch in der Blogosphäre präsent zu sein. Wir kennen viele Blogger persönlich, informieren die und stehen (z.B. für Interviews
zur Verfügung. Bei uns sind Blogger ähnlich wichtig wie traditionelle Journalisten.
Derzeit gibt es einen Hype im Zusammenhang mit dem Stichwort Web 2.0. Wie definierst du Web2.0?
Web 2.0 Websites haben fünf wesentliche Eigenschaften:
1) Sie werden besser, je mehr Leute Sie benutzen.
2) Sie integrieren Daten aus vielen verschiedenen Quellen, inklusive der Nutzer selbst.
3) Sie stellen anderen Websites ihre Daten zur Verfügung.
4) Sie bringen Menschen zusammen und erlauben diesen, eine Online-Identität zu schaffen.
5) Sie nutzen moderne Technologien um gute Interfaces zu bauen.
Web 2.0 Hype? Das kann sein. Schließlich ändern sich einige Dinge gerade maßgeblich. Man muss sich das mal vorstellen, Startups wie Sevenload oder myVideo greifen RTL und SAT.1 an! Oder kleine Unternehmen wie Hitflip versuchen die Distribution von Medien auf den Kopf zu stellen. Ich finde über das Thema kann man sprechen.
Was ich nicht mag ist der Ausdruck Web 2.0 Blase nicht (den du ja auch nicht verwendet hast). Es gibt in Deutschland eine handvoll Unternehmen (5? 10?), die nach der Schlappe der letzten Jahre versuchen was Neues zu machen. In die wurden dann insgesamt vielleicht 20-30 Mio. investieren, volkswirtschaftlich gesehen nichts. Und plötzlich schreien einige (vor allem unbeteiligte, die selber nichts machen) nach Blase und hacken auf allem rum was neu ist. Gerade z.B. das Manager Magazin ist da negativ vorgeprescht. Ständig wird die mangelnde Innovation in Deutschland kritisiert, dann ist im ersten Beitrag über Web 2.0 alles lächerlich und übertrieben. Für mich gibt es keine Web 2.0 Blase, nur neue Geschäftsmodelle, die wieder finanziert werden. Eine Putzfrauenblase ist das auf keinem Fall, wenn man mal sieht, wer da investiert.
Welche Web2.0 Services nutzt du persönlich?
Einige. Netvibes als Startseite, ich lese täglich (die Überschriften) von etwa 20 Blogs. Dazu del.icio.us bzw. mister wong für Bookmarks. Mein Kalender „hängt in der Wolke“, e-Mail genauso, openBC, LinkedIn, Videos über Sevenload und myVideo usw. Mit Technorati beobachte ich unseren Wettbewerb.
Wie hat sich dein Medienverhalten in den letzten Jahren verändert? Schaust du noch oft Filme oder unterhalten dich großteils die Youtubes des Internets?
Ich selber schaue ab und zu Filme, dann aber recht gezielt. Die Youtubes des Internets unterhalten mich aber auch nicht. Ich hänge ja eh den ganzen Tag vor dem Rechner, dann also lieber ein Buch oder mal raus aus dem Haus! Ach ja, auch wenn die meisten nicht zugeben: nach einem harten Tag im Büro döse ich auch mal vor einer Heimwerkersendung. Manchmal.
Wie lauten jeweils deine Favoriten:
Film: Ich schaue bei Filmen stark auf die Optik. Gut gefallen haben mir deswegen z.B. Sin City oder Sky Captain and the future of tomorrow. “Den” Lieblingsfilm habe ich nicht.
Buch: Ich lese gerne Bücher von Chuck Palahniuk, auch wenn ich die bald alle durch habe.
Musik: Wenn ich zum Programmieren komme (sehr selten) dann am liebsten Elektronisches. Sonst eine breite Mischung, wobei mein Musikstil sich immer stark an den verfügbaren CDs orientiert. Bei uns im Büro liegt derzeit eine Menge Reggae und Ska rum…
Dein Schlusssatz?
Allemann schnell bei Hitflip anmelden! Wenn man mal gemerkt hat, wie clever das funktioniert, ist das eine super Alternative zum Neukauf. Und Thomas, danke fürs Interview!
Danke Jan und ich wünsche dir noch viel Erfolg!
Das Interview führte Thomas Gabriel von Internetszene.com am 08.11.2006.


RSS abonnieren
20. December 2006 um 10:15 pm
[...] Jan Miczaika, Gründer von Hitflip, prognostizierte im letzten Interview von Internetszene ebenfalls, dass in etwa 3-4 Jahren die Download-Dienste von der Masse angenommen werden. Nun stellt sich die Frage, wie ein Markt für “gebrauchte” digitale Datein geschaffen werden kann. Beantworten kann diese Frage auch McNair noch nicht, da dies rechtlich aus heutiger Sicht noch eine Grauzone sei. Seien wir gespannt, ob es schon bald Second-Hand-Börsen für MP3s gibt. Veröffentlicht von Thomas Gabriel Abgelegt unter E-Commerce [...]
18. March 2007 um 2:51 pm
[...] Interview im internetszene Blog [...]