Web 2.0-Bashing im SZ-Feuilleton
9. December 2007
In den letzten Tagen habe ich tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, mir ein SZ-Abo zu bestellen. Die finale Entscheidungshilfe gegen ein Abo kam gestern von der SZ selbst mit Bernd Graffs Artikel “Web 0.0: Die neuen Idiotae.”
Da auch ich politische Korrektheit in der Regel für überbewertet halte, konnte ich über Graffs anti-demokratische Statements wie die folgenden zumindest schmunzeln: “Wir müssen uns die Kräfte des freien Meinungsmarktes als äußerst destruktiv vorstellen.” und “Das von US-Visionären importierte Problem ist, dass man dem unter dem Mantel des Web 2.0 rumorenden Plebiszit die Zukunft anvertrauen möchte.” Dass die ach-so-gesellschaftsliberale Süddeutsche Zeitung Anhängern von Plato’s aristokratischem Ideal eine Meinungsäußerungsplattorm bietet, kann ich in gewisser Weise respektieren: Solche Menschen haben es schließlich in Deutschland geschichtlich bedingt nicht einfach.
Spätestens bei der Mär von den Massenmedien als Qualitätsgarant lief das Zynismus-Fass dann aber über: “Die etablierten Medien verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischem Fehlverhalten im besten Fall Sanktionierungen.” Komisch, dachte ich, dass ausgerechnet ein Blog als einzige Institution die Bild halbwegs aufmerksamkeitsstark zu kritisieren imstande ist. “Was aber wiegt dann mehr? Dass das immer elitäre Denken der Mainstream-Medien im Zweifel undemokratisch ist? Oder, dass daraus Qualität entsteht?” Ach ja, dachte ich, die Trash-Sender hatten mir ja eine so hohe Qualität beschert, dass ich letztes Jahr die TV-Karte aus meinem Rechner geschmissen habe. Seither bleibt mir mehr Zeit dafür, “Loser-Generated Content” (Zitat Graff) zu nutzen – der “Wissensgesellschaft mit Verantwortung” habe ich also offenbar freiwillig den Rücken gekehrt. Muss ich mich selbst bedauern?
Update:
Robert Basic, Thomas Knüwer und Manuel Heßling schreiben in ihrer Graswurzel-Unterwelt richtig gute Feuilleton-Beiträge zum Thema “Web 0.0″.

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11. December 2007 um 11:10 am
[...] Die Süddeutsche Zeitung hat ja hier und hier schon bewiesen, dass sie die Funktion des Web 2.0 noch nicht recht kapiert hat. Jetzt legen die Macher nochmal nach und führen Öffnungzeiten Bürozeiten auf Ihre Homepage ein. Da darf man neuerdings nämlich nur noch zu Redaktionszeiten kommentieren und unter jedem Artikel gibt es daher folgendes zu lesen: Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser “Freeze” gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage. [...]