Blog-Monitoring: Wie funktioniert’s? (1)
17. December 2007
Für das Monitoren von Blogs gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Herangehensweisen, unter denen sich bisher keine Standards etablieren konnten. Für ein Referat an der Uni habe ich versucht, die derzeit gängigsten Methoden zu systematisieren und in einen Kontext zu stellen. Diese Systematisierung möchte ich hier (aufgeteilt auf mehrere Beiträge) vorstellen und zeigen, an welchen Stellen die wesentlichen Limitationen unterschiedlicher Blog-Monitoring-Verfahren liegen.
Ich habe zur Systematisierung ein Chart erstellt, das ihr unter CC-Lizenz gerne verwenden und weiterentwickeln könnt. Ich gehe nicht davon aus, dass dieses Chart perfekt ist – aber möglicherweise findet ihr es brauchbar, und für Verbesserungsvorschläge bin ich immer offen. An diesem Chart werde ich mich im Folgenden “entlang hangeln”.
Liste relevanter Blogs generieren
Auf die erste Herausforderung stößt man beim Blog-Monitoring bereits sehr früh: bei der Definition der Grundgesamtheit, die analysiert werden soll – also bei der vollständigen Erfassung der aller relevanter Blogs (bzw. der gesamten Blogosphäre). Weder gibt es eine vollständige Liste aller Blogs, um sicherzustellen, dass kein Blog im Monitoring vergessen wird, noch ist die Blogosphäre eine statische Grundgesamtheit. Selbst wenn es eine Liste aller Blogs gäbe, wäre sie nur für kurze Zeit aktuell – denn ständig entstehen neue Blogs und manche bestehenden Blogs werden nicht weiter aktualisiert (wobei letzteres unproblematisch ist – außer, dass damit die Größe der Blogosphäre überschätzt wird). Technisch kann nicht ermittelt werden, ob es sich bei einer Website um einen Blog handelt oder beispielsweise um eine klassische Nachrichten-Website, die RSS-Feeds einsetzt.
Dieses Problem kann nur über Workarounds gelöst werden: Technorati definiert seine Grundgesamtheit beispielsweise als all jene Blogs bzw. Webseiten, die sich aktiv dort indizieren lassen. Google legt (in gewohnter Manier) mit seiner Blog-Suche das Aufgreifkriterium erst gar nicht offen. Professionell arbeitende Blog-Monitoring-Anbieter erstellen und aktualisieren ihre Grundgesamtheit üblicherweise selbst, beispielsweise indem sie (wie hier für BlogPulse beschrieben) von unvollständigen Blog-Listen ausgehend nach weiteren URLs crawlen – über Blogrolls, Trackbacks, Kommentare und/oder klassische Querverweise.
Entscheidend bei der Auswahl einer Blog-Suchmaschine oder eines Blog-Monitoring-Services ist also auf der Ebene der Blog-Erfassung die Vollständigkeit und die Geschwindigkeit, mit der neue Blogs gefunden und der zu analysierenden Grundgesamtheit hinzugefügt werden. Die Kriterien dafür sollten für den Kunden offen gelegt und nachvollziehbar sein.
Relevante Einträge filtern
Wenn eine Grundgesamtheit steht, werden daraus im nächsten Schritt relevante Beiträge gefiltert. In aller Regel geschieht dies über eine Schlagwortsuche nach Begriffen, die der Kunde vorgibt – beispielsweise Marken- oder Produktnamen des eigenen Unternehmens und von Wettbewerbern. Für viele Fragestellungen mag dieses Vorgehen ausreichend sein – es entspricht der Logik konventioneller automatisierter Presseclipping-Services.
Die Grenze der Schlagwortsuche liegt an jenem Punkt, an dem auch Blog-Beiträge von Interesse sind, die nicht zwingend ein oder mehrere vorhersehbare Suchbegriffe enthalten. Will ein Unternehmen ein echtes Issues-Monitoring betreiben, ist nicht nur entscheidend, ob der Unternehmens- oder Markenname in einem Blog-Beitrag auftaucht – sondern, ob ein Thema in einem Blog-Beitrag aufgegriffen wird, das z. B. in Zusammenhang mit dem Tätigkeitsbereich eines Unternehmens steht. Energieversorger können beispielsweise daran interessiert sein, wie bestimmte Verfahren zur Energiegewinnung in der Blogosphäre beurteilt werden. Besonders anspruchsvoll zu monitoren sind Themen, von denen dem Unternehmen noch gar nicht bekannt ist, dass sie überhaupt existieren.
Inhaltsanalytische Verfahren können theoretisch dazu dienen, weitere Phrasen in Zusammenhang mit den ursprünglichen Suchphrasen zu entdecken, und diese dann wiederum in die Filterung der Beiträge einfließen lassen. Als iteratives Verfahren könnte dieser Schritt beliebig oft wiederholt werden. Mir ist derzeit kein Blog-Monitoring-Anbieter bekannt, der solche lernende Filter einsetzt. Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar.
Um die Inhaltsanalyse von Blogs soll es dann im nächsten Beitrag gehen.



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18. December 2007 um 12:55 pm
Hallo Michael - dein Artikel kommt wie “gerufen” :o) Bin ich doch gerade dabei, eine ideale Monitoring-Vorgangsweise zu erheben…
Für die Inhaltsanalyse bin ich in Kontakt mit einer Forschungseinrichtung… Ich wäre jederzeit über einen Austausch mit dir über deine Erfahrungen und Quellen dankbar!
schöne Grüße aus Tirol, Petra
19. December 2007 um 12:26 pm
hallo michael! auch mir kommt dein artikel wie gerufen
wann wird denn dein nächster artikel zur inahltsanalyse erscheinen? hättest du vielleicht noch ein paar praktische tipps, wie man eine blog-analyse für ein unternehmen angehen könnte bzw. wieviel zeit sie in etwa in anspruch nehmen könnte?
vielen dank und liebe grüße aus wien
carmen
20. December 2007 um 2:31 am
Merci für euer Interesse. Den nächsten Beitrag schaffe ich leider frühestens Mitte Januar - sorri, bin gerade etwas eingespannt…
Zur praktischen Durchführung einer Analyse, kann ich nur (wie ein Jurist) sagen: Es kommt darauf an. Beispielsweise, ob es eine reine Inhaltsanalyse sein soll (oder darüber hinaus z.B. eine Netzwerkanalyse), ob die Analyse quantitativ oder qualitativ sein soll etc. Ich kann mit gutem Gewissen (Schleichwerbung betreiben und) empfehlen, unserem Partnerunternehmen aserto eine Anfrage zu senden - die arbeiten nach wissenschaftlichen Standards und mit geschulten Codierern. Für eine einmalige standardisierte Inhaltsanalyse würde ich (sehr grob geschätzt) mit etwa vier Wochen Zeitaufwand rechnen (für eine Person) - wobei das natürlich stark von der Anzahl der zu codierenden Beiträge abhängt.
2. January 2008 um 1:22 pm
“Mir ist derzeit kein Blog-Monitoring-Anbieter bekannt, der solche lernende Filter einsetzt. Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar”.
Ich denke, dass ich Dir bei Deiner Suche weiterhelfen kann. Schau mal unter http://www.ethority.de nach. Wir setzen schon seit einiger Zeit erfolgreich lernende Filter ein.
MIt den besten Grüssen aus HH
David
4. February 2008 um 7:39 pm
[...] Während ich gespannt auf den zweiten Teil von Michaels Reihe "Blog Monitoring" warte, möchte ich einen Überblick über interessante Tools für die Suche in und das Monitoring von Microblogs geben, die in den vergangenen Wochen in meiner Bookmark–Liste gelandet sind. Das Ganze ist eine offene Liste, wer noch weitere Tools kennt, immer her damit! [...]
26. February 2008 um 3:12 pm
Hallo Michael, ich betreibe ein mittelgroßes Callcenter, dass sich auf kniffelige, heikle und anspruchsvolle Aufgaben spezialisiert hat. Unter den Begriff des Blog-Monitorings fällt m.E. auch die gesamte Thematik der Überwachung i.S.v. political corectness. Das wird insbesondere dann von Relevanz, wenn es sich um firmeneigene Blogs handelt, wo man sehr besorgt ist, falls dort bspw rechtsradikale oder sexistische Inhalte kursieren würden. Ich möchte meinen Kunden nun anbieten, dass wir diese Blogs live überwachen und eingreifen; das kann hin bis zu leichtem Support bei produktspezifischen Fragen gehen. Bist Du bei Deinen Recherchen auf solche Themen, respektive (auch maschinelle) Lösungen für dieses Thema gestoßen? Wie wird so etwas gehandhabt? Gibt es schon Referenzen dazu? Freue mich auf Deine Antwort. Gruß Thomas
27. February 2008 um 3:48 am
[...] Ich bin gerade etwas unter Zeitdruck mit all den Dingen, die durch die BarCamp-Organisation liegen geblieben sind. Fortsetzung folgt deshalb später, genauso wie ich auch die Fortsetzung der Reihe zum Blog-Monitoring nicht vergessen habe. 24 Stunden pro Tag sind viel zu wenig, wer hat sich das bloß so ausgedacht… [...]
27. February 2008 um 6:38 am
[...] An euren Feedbacks auf meinen (mittlerweile schon etwas älteren) ersten Beitrag zum Thema Blog-Monitoring sehe ich, dass die meisten von euch an klaren praktischen Lösungen interessiert sind. Deshalb schiebe ich als Antwort auf den Kommentar von Thomas diesen Beitrag zu konkreten Tools und Verfahren ein, bevor ich dann hoffentlich in naher Zukunft auf die Hintergründe zur Inhaltsanalyse eingehe. [...]
27. February 2008 um 12:46 pm
Hey Thomas, habe dir in einem eigenen Beitrag geantwortet.