re:publica - information overflow
6. April 2008
Auf der re:publica 08 stand einem riesigen Informationsangebot eine Heerschar von Bloggern gegenüber, die die die Dichte der Inhalte noch weiter erhöhten - indem sie alles bloggten, twitterten und filmten, was ihnen vor das Handy oder den Laptop lief. Die Konferenz demonstrierte damit am eigenen Beispiel das Problem einer wachsenden Informationsflut im Netz. Zwei Ansätze zur Lösung lauten: Die Rezipienten müssen das Filtern und das Internet das Vergessen lernen.
“Was ist dein Fazit für die re:publica 08?” Ich war am Ende der re:publica froh, zu dieser Frage nur einmal interviewt worden zu sein. Wer sich etwas länger in der Lobby der Kalkscheune aufhielt, lief Gefahr, für sämtliche Weblogs, Podcasts und Video-Blogs des deutschsprachigen Internets sowie für eine Handvoll traditioneller Medien vor Kamera, Mikro oder Notizblock gezerrt und ausgefragt zu werden.
Eine reflektierte Antwort auf die Frage nach dem Fazit war nicht leicht. Denn mit den zahlreichen Panels und Workshops, die auf der re:publica angeboten wurden, der totalen Berichterstattung (Felix Schwenzel sprach auf wirres.net von “Informationsdünnschiss“) und den vielen, auf der Blogger-Konferenz tatsächlich noch stattfindenden, offline-face-to-face-Gesprächen galt es erst mal den Berg an Informationen abzuarbeiten.
Diese Situation, die bei einer Konferenz für sich gerne mal selbst reflektierende Bewohner des Internets vermutlich in der Natur der Sache liegt, entspricht so ziemlich der generellen Entwicklung in der Internet-Kommunikation: Wenn jeder überall Text, Bild, Audio und Video live oder zeitversetzt ins Netz übertragen kann, werden wir von einer Informationsflut überschwemmt.
Gerrit van Aaken spricht in dem Zusammenhang in seinem Blog vom “Informations- und Kommunikationsterror” und hat seine Konten auf diversen Web-2.0-Diensten gelöscht. Ich glaube nicht, dass man dem Informationschaos gleich mit Abschalten begegnen muss. Allerdings teile ich voll und ganz seine Meinung, dass viele Informationen wie beispielsweise Twitter-Nachrichten im Netz eine Halbwertszeit haben sollten (dazu später mehr).
Auf den Filter kommt es an
Die Lösung für das Problem der Informationsflut ist der richtige Filter: Wenn wir uns durch die reale Welt bewegen, werden wir ständig mit der totalen Reizüberflutung belastet. Dennoch schafft es unser kognitives System, die Dinge zu fokussieren, die für uns in genau diesem einen Moment von Belang sind. Im virtuellen Raum reicht dafür das kognitive System nicht aus, wir brauchen technische Hilfsmittel. Ein Beispiel: Um im Strom von hunderten Weblog-Artikeln die Übersicht zu behalten, können uns News-Aggregatoren wie Techmeme oder Rivva dabei helfen, die Informationen in Kontexten zusammenfassen. Hätten wir dazu noch die Möglichkeit eines persönlichen Filters, der Inhalte nach unseren Interessen und Relevanz gewichtet, kommen wir einem optimalen Informationsfilter schon sehr nahe. Ähnliche Tools fehlen bei vielen der neuen Web-2.0-Diensten wie Twitter. Hashtag-Suchmaschinen wie twemes.com oder hashtags.org sind ein erster Schritt in diese Richtung.
In dem Moment, in dem ich die Informationen der Massenmedien mit denen von Online-Magazinen, Blogs, Podcasts, Webseiten, Microblogs und denen aus meinen Social Networks und privaten Netzwerken in einen Topf werfen kann und am Ende einen für mich effizienten Stream an Inhalten erhalte, hat das System Erfolg. Aus der Flut der Informationen kann ich meinen Teil je nach Bedarf abschöpfen.
Das Netz vergisst nichts
Beim Filtern der Informationsflut bin ich optimistisch: Wir werden dafür in Zukunft Lösungen finden. Das andere Problem, das Gerrit angesprochen hat, wiegt deutlich schwerer: Informationen bleiben im Netz für immer gespeichert. Harvard-Professor Viktor Mayer-Schönberger hat es in seiner Keynote “Nützliches Vergessen” auf der re:publica sehr treffend dargelegt. War bisher Vergessen leicht und Erinnern schwierig, hat sich das mit dem Internet als allumfassender Speicher unseres kollektiven Gedächtnisses umgedreht. Der Faktor Zeit in Hinblick auf Kommunikation und Information verliert seine Bedeutung, Informationen werden für immer und ewig gespeichert. Dabei ist das Vergessen wichtiger Bestandteil unseres kognitiven Systems und unserer Gesellschaft. Ohne Vergessen bleiben Informationen für immer erhalten, auch wenn ihr Kontext längst verloren ist.
Um diesem zu entgehen, schlägt Mayer-Schönberger vor, dem Netz das Vergessen beizubringen und Informationen ein Verfallsdatum zu geben. Das stellt, meine ich, eine ziemlich unmögliche Aufgabe dar. Denn dazu müssten über Länder- und Kulturgrenzen hinweg alle am Netz beteiligten Parteien fernab möglicher kommerziellen Interessen mithelfen.
Dennoch ist es richtig: Wenn das Internet nicht lernt zu vergessen, dann kann jedes auf einer Party gemachte Foto, jede Jugendsünde oder Peinlichkeit zur ewigen Bürde werden. Und spätestens wenn Suchmaschinen Audio-Inhalte indexieren und die Personensuche anhand von Gesichtserkennung in Bild und Video möglich sein wird, wird das alle von uns in einem nie gekannten Ausmaß betreffen. Wie es funktionieren kann, weiß ich nicht, aber Professor Mayer-Schönberger hat recht: Das Netz muss das Vergessen lernen.
Und das Fazit?
“Was ist dein Fazit für die re:publica 08?” Die Frage stellte mir am Freitag Abend nach drei langen Konferenztagen der jovelstefan für seinen Podcast. Ich hätte ihm sagen können, dass mir die meisten Workshops und viele der Panels neue Impulse gegeben haben, dass die Podiumsdiskussionen teilweise interessant waren, aber einige auch etwas zäh und am Thema vorbei. Auch 2008, so hätte ich sinnieren können, sind Blogger manchmal etwas selbstreferentiell, aber ein interessantes Gespräch kann man mit jedem und jeder von ihnen führen. Ich hätte ihm sagen können, dass für mich bicyclemark ein perfekte Beispiel für das ist, was ich am Bloggen und dem Internet so spannend finde, und dass Berlin wie immer war: Berlin halt. Ich hätte ihm sagen können dass ich keine Wiener im Brötchen mehr sehen kann und noch nie so viel Club Mate getrunken habe.
Als mich jovelstefan fragte, hatte ich all diese Informationen in meinem Kopf noch nicht ausreichend filtern und das Drumherum-Rauschen noch nicht vergessen können. Stattdessen lautete deshalb mein Fazit, als er mir am Abend das Mikro vor die Nase hielt: “äähhmahmgmähmhmahmmm…”

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17. April 2008 um 1:49 am
[…] in der tat habe ich das eine oder andere aussagekräftige fazit nach der republica gelesen. thomas knüwer hat zum beispiel ein fazit gezogen, dem ich nicht widersprechen mag, ebenso achim barczok. frau schnutiger lässt fazit ziehen, ich wurde auch ab dem ersten tag republica ungefähr 100 mal nach meinem fazit gefragt. also verzichte ich jetzt auf ein fazit. es folgen nur ein paar kleinigkeiten, die ich am samstag angefangen hatte. * * * am donnerstag hab ix mir nen witz ausgedacht. der war aber leider schon ziemlich alt. gerrit hat den witz besser gemacht: Wer »A« sagt, muss auch »rschloch« sagen. […]
17. April 2008 um 1:49 am
[…] in der tat habe ich das eine oder andere aussagekräftige fazit nach der republica gelesen. thomas knüwer hat zum beispiel ein fazit gezogen, dem ich nicht widersprechen mag, ebenso achim barczok. frau schnutiger lässt fazit ziehen, ich wurde auch ab dem ersten tag republica ungefähr 100 mal nach meinem fazit gefragt. also verzichte ich jetzt auf ein fazit. es folgen nur ein paar kleinigkeiten, die ich am samstag angefangen hatte. * * * am donnerstag hab ix mir nen witz ausgedacht. der war aber leider schon ziemlich alt. gerrit hat den witz besser gemacht: Wer »A« sagt, muss auch »rschloch« sagen. […]