Unreife Blogger: Rezension und Original
11. April 2008
Für meine Masterarbeit lese ich gerade einen der beiden Forschungsbände, die Sabine Pamperrien in der Netzeitung zum Urteil “Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif” geführt haben. Hier ein paar Hinweise und Aufklärungsversuche meinerseits.
Erstmal: Jan Schmidt, einer der Herausgeber der Bände, hat auf Schmidt mit Dete bereits darauf hingewiesen: Der Netzeitung-Artikel bezieht sich auf zwei Studien, die UNTER ANDEREM in “Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web (Band 2). Strategien und Anwendungen: Perspektiven für Wirtschaft, Politik und Publizistik” veröffentlicht sind. Bei den Bänden handelt es sich weitgehend um eine Bestandsaufnahme deutschsprachiger Forschung zum Social Web, wie Jan Schmidt schreibt, es geht darin nicht ausschließlich um die deutschsprachige Blogosphäre, wie andere schrieben.
In dem Zusammenhang stimme ich Marc von der Wissenswerkstatt zu, die Rezension sei einseitig. Sie behandelt nur den Ausschnitt, der anscheinend aus Sicht von Frau Pamperrien für den aktuellen Mediendiskurs relevant ist, geht aber kaum auf den eigentlichen Hintergrund der beiden Sammelbände ein.
Medienwatchblogs
Einige der Schlussfolgerungen, die Frau Pamperrien in Bezug auf die Studie zu Medienwatchblogs zieht, konnte ich im Originaltext so nicht wiederfinden.
Hier eine Gegenüberstellung von Rezension und Originaltext:
“Journalisten interessieren sich demnach kaum dafür, weshalb die erwünschte Besserung journalistischer Qualität ihre Zielgruppe verfehlt.
Selbst ein Aushängeschild wie das Bildblog bleibt fast wirkungslos. Die Autorin der Studie folgert, dass die professionelle Akzeptanz der Medienwatchblogs abhängig von richtigen Aufdeckungserfolgen sei. Dazu aber gehöre investigative Recherche. Und die werde aktuell von Bloggern nicht betrieben” (Rezension Netzeitung)
Zitat aus der Studie:
Als Ergebnis der zweiten angewandten Methode, des Leitfadengesprächs, konnte eruiert werden, dass Bildblog als recht wirksame Kontrollinstanz zu bewerten ist. Der zum Bildblog Befragte weiß um seinen externen Kritiker, der bereits zahlreiche Korrekturen erwirkt hat. Für die übrigen Untersuchungssgegenstände hingegen ist zu sagen, dass die Befragten das jeweilige Blog zwar kennen, teilweise auch regelmäßig konsultieren, die darin vorgebrachten Kritikpunkte aber nie als so gravierend eingestuft wurden, dass sie einer Korrektur bedurft hätten.
[...]
Mehr als die Hälfte der Einträge [Anm.: im Blog Zeit/Meckern] bewirkten eine Verbesserung, und der befragte Zeit.de-Chefredakteur zeigte sich hochzufrieden mit der Arbeit der Blogger.
[...]
Um sich bei Journalisten wie bei Nicht-Medienschaffenden mehr Gehör zu verschaffen, braucht die Medienwatchblogosphäre wahrscheinlich einmal einen richtig großen Aufdeckungserfolg. (Schönherr, S.132f.)
Einen Hinweis darauf, dass eine investigative Recherche von Bloggern nicht betrieben wird, wie Sabine Pamperrien anmerkt, konnte ich im Resümee von Katja Schönherr nicht finden. Die Autorin weist lediglich darauf hin:
“Von Scoops deutschsprachiger Medienwatchblogs kann aber weder während des Untersuchungszeitraums noch insgesamt seit Bestehen der Blogs gesprochen werden” (Schönherr, S.131)
Reifegrad der deutschsprachigen Blogosphäre
Die Studie zu Reifegrad, Politisierung, Themen und Bezug zu Nachrichtenmedien ist, soweit ich das sehen kann, im Großen und Ganzen korrekt zitiert. Allerdings: Im Orginaltext wird Reifegrad als “Ausmaß der Professionalisierung des Bloggens vs. Freizeittätigkeit” (Berendt et al., S.73) definiert. Den von Pamperrien in der Überschrift gewählte Begriff “unreif” halte ich im fehlenden Kontext für irreführend, denn er lässt anders als in der Studie eine Unerfahrenheit oder Unmündigkeit der deutschsprachigen Blogosphäre vermuten.
Hier noch eine Gegenüberstellung von Ausschnitten aus Rezension und Studie:
Rezension:
Beantwortet werden können diese Fragen vermutlich erst, wenn beide Blogosphären die gleiche Reife erlangt haben. Dazu müssen Blogs zunächst einmal gesellschaftliche Relevanz erlangen.
Studie:
Ist die Politiklastigkeit der populären US-amerikanischen Blogs auf den höheren Reifegrad der Blogosphäre zurückzuführen, oder sind die Ursachen allgemein in unterschiedlichen Stellenwerten der Politik in den Gesellschaften zu suchen? Beide Fragen werden sich erst beantworten lassen, wenn deutschsprachige Blogs an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen haben und unterschiedliche Reifegrade damit als mögliche Ursache der markanten Unterschiede zwischen den Blogosphären ausgeschlossen werden können. (Berendt et al., S.95)
Die Fragen können also nicht, wie Pamperrien schrieb, beantwortet werden, sobald beide Blogosphären die selbe Reife erlangt haben. Vielmehr kann der Reifegrad als Ursache dann ausgeschlossen werden, wenn die deutschsprachigen Blogs an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen haben. Ein nicht unwesentlicher Unterschied.
Zum Schluss möchte ich noch zum einen auf den Kommentar von Markus Beckedahl hinweisen, der Gründe für die unterschiedliche Politisierung von US-amerikanischer und deutscher Blogosphäre nennt.
Zum anderen möchte ich anmerken, dass ich die beiden Tagungsbände, soweit ich das bisher beurteilen kann, für einen außerordentlichen Beitrag für die Forschung im Bereich Social Web in Deutschland halte. Ein absolutes Muss für jeden, der sich wissenschaftlich mit Social Web auseinandersetzen möchte.
207 Kommentare zu “Unreife Blogger: Rezension und Original”
Kommentar schreiben
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar zu schreiben.

RSS abonnieren
13. April 2008 um 6:17 pm
[...] Während dieser Tagen wieder mal die Wellen der Aufregung hochschlagen, bei denen die Macher einiger herkömmlicher Medien und Blogger frontal zusammenrauschen, sei kurz auf einen erst neulich bei der Deutschen Gesellschaft für Onlineforschung (DGOF) erschienenen Doppeltagungsband, in dem aktuelle Stand der Onlineforschung in 42 Beiträgen aus den Perspektiven der Sozial- und Kommunikationswissenschaften, Psychologie, Ökonomie, Politikwissenschaften und Recht aufgearbeitet wird. Ansgar Zerfaß, Martin Welker und Jan Schmidt (Hrsg.). 2008. Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Köln: Halem. [...]