Einsnullige Studenten versuchen, ihre Abschlussarbeiten auf kostenpflichtigen Plattformen zu Geld zu machen. Der PR-Absolvent Timo Lommatzsch von der FH Hannover hingegen veröffentlicht seine Bachelor-Arbeit zum Social Media Release als kostenloses E-Book unter einer Creative-Commons-Lizenz. Danke, Timo!

Worum geht es im E-Book? Ich versuch’s in meinen eigenen Worten: Im Prä-Blog-Zeitalter landeten irrelevante Pressemitteilungen und unerwünschtes PR-Material noch in den Papierkörben der zwangsbeglückten Nachrichten-Redaktionen. Die wilden Blogger aber bringen ihren Unmut mit PR-Spam häufig auf drastische Weise zum Ausdruck. Das schmerzt die Tanja-Anjas. Seither beginnen einige von ihnen zu verstehen, dass das Web 2.0 neue Kommunikationsinstrumente erfordert – nicht nur, um den Erfolg ihrer Arbeit zu erhöhen, sondern auch, um negative Eigen-PR in der Blogosphäre zu verhindern. Ein solches, viel diskutiertes Instrument ist der Social Media Release – wie Timo sagt, “ein (kleiner, erster) Schritt auf dem Weg, das seit Jahrzehnten etablierte Nachrichten- und Informationsvermittlungssystem von Unternehmen und Agenturen an die veränderten Informations-, Medienrezeptions- und Kommunikationsbedingungen im Internet anzupassen.”

Im ersten Teil seines E-Book beschreibt Timo, was es mit Social Media Releases auf sich hat: Wie werden sie gestaltet und distribuiert? Wie sind sie entstanden und welche Entwicklungen im Mediennutzungsverhalten liegen ihnen zu Grunde? Im zweiten Teil fasst er die Aussagen von sechs Interviewpartnern zusammen, die mit dem Einsatz von Social Media Releases bereits eigene Erfahrungen sammeln konnten.

Der Verdienst von Timos Arbeit liegt vor allem in der strukturierten Zusammenfassung der bisher im Netz vorliegenden zersplitterten Informations- und Diskussionshäppchen zum Social Media Release. Einen Vorgeschmack auf das E-Book liefert das folgende Schaubild, mit dem er zeigt, dass PR-Informationen im Web 2.0 nicht mehr nur für Medienschaffende konzipiert sein müssen, sondern auch eine direkte Kommunikation mit den eigentlichen Zielgruppen ermöglichen sollten.

Der Podcast zum E-Book

Zusammen mit Bastian Scherbeck betreibt Timo den Podcast Social Media PReview. Die beiden gehen ein Mal wöchentlich mit einem gut konzipierten und abwechslungsreichen Programm zum Thema Online-Relations auf Sendung. Das Potenzial von Social Media Releases haben sie bereits mehrfach diskutiert. Ein Muss-Podcast für jeden, der sich mit PR im Web 2.0 beschäftigt (siehe auch Achims Review).

Das Interview zum E-Book

Alex Wunschel hat Timo und Bastian zum Social Media Release interviewt (35 min). Ein empfehlenswertes Interview für alle, die ihre Augen mal wieder vom Bildschirm lösen möchten und die wichtigsten Infos zur Social Media Release auf auditivem Wege erfahren möchten.

Die Alpha-Journalisten

22. July 2008

Deutsche Print-Schreiber haben ein Problem entdeckt: Die Blogger. Im Vergleich zu den Weblog-Autoren fehlt es den deutschen Journalisten im Sommerloch nämlich an Themen. Und deshalb schreiben sie über Blogger.

Wenn das hier ein Magazinartikel wäre und kein Blog, dann ginge er natürlich anders los, vielleicht:

Was ist in Blogs nicht alles hineingeheimnisst und -geraunt worden. US-Blogger Glenn Reynolds verkündete in seinem Buch “An Army of Davids” aus dem Jahr 2006: “Die Macht, die einst in den Händen von wenigen Profis konzentriert war, ist umverteilt worden in die Hände der vielen Amateure.” Und der deutsche Philosoph Habermas erblickte im Internet die “Wurzeln einer egalitären Öffentlichkeit von Autoren und Lesern”.
(Zitat Spiegel Nr. 30, 21.07.2008, S.94)

Zum Glück ist das hier aber ein Blog, und deswegen muss ich jetzt nicht gleich den Habermas rauskramen und sage stattdessen: Schreiben ist wie Kochen. Prinzipiell kann das jeder machen, alles was man braucht sind ein paar Töpfe und ein Herd. Und weil das so einfach ist, machen es auch so ziemlich alle. Und wenn ich das, was ich da koche, jemand anderen essen lasse, dann ist das Bloggen. Das machen recht viele, die meisten kochen dabei eher schlecht, wenige richtig gut.

Verlage sind dann quasi Restaurant-Ketten und Journalisten die dort angestellten Köche. Die kochen halt eher für die Massen, und sie werden nur eingestellt, wenn sie richtig gut kochen können. Als Angestellte haben sie ein festes Einkommen, müssen dafür aber das kochen, was dem Restaurantbesitzer passt, und meistens schmeckt alles irgendwann ziemlich gleich.

In den USA gibt es mehr Menschen, und die essen auch mehr als die Menschen in Deutschland. Deshalb gibt es da nicht nur mehr Restaurant-Ketten, sondern auch generell mehr Köche. Die Köche, die nicht in Restaurant-Ketten arbeiten, sind durchschnittlich mindestens genauso schlecht wie die in Deutschland, aber es gibt halt mehr, und deshalb gibt es auch mehr gute. Außerdem gibt es ja mehr Leute, und die essen mehr, und deshalb können in den USA mehr Köche mit Kochen Geld verdienen, selbst wenn sie nicht in einem Restaurant angestellt sind.

Und was der Spiegel pünktlich zum Sommerloch herausgefunden hat, ist, dass in Deutschland die meisten, die nicht als Köche angestellt sind, nicht so gut kochen können. Und dass die Leute weniger essen als in den USA. Super.

(Hier noch die Meinung einiger anderer Köche, ähhh, Blogger: Spiegelfechter, medienlese, f!xmbr, CIO Blog, coffee and tv)

Vor sechs Monaten habe ich die acht interessantesten Audio-Podcasts zu Themen im Web 2.0 vorgestellt. Inzwischen hat sich einiges getan in der Podosphäre: Zeit, die Liste zu überarbeiten.

Deutsche Podcasts

Kanal 142.gif
Vier Nasen tanken Super ist tot, es lebe Kanal 14! Sebastian Keil führt den erfolgreichen Web-2.0-Podcast seit Juni unter neuem Namen fort und spricht (zum Teil gemeinsam mit seinen alten Co-Moderatoren Nico Lumma, Mario Sixtus und Heiko Hebig) mit interessanten Gästen aus Webszene, Wirtschaft und Marketing. In den ersten Folgen diskutierten Podpimp Alex Wunschel und Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer mit.

Social Media PReview
Timo Lommatzsch und Bastian Scherbeck gehen mit ihrem Podcast Social Media PReview seit März dem Einsatz von Social Media in Public Relations im Wochenrhythmus auf den Grund. Der Podcast ist aufwendig produziert und reicht im Spektrum von Interviews und Gesprächsrunden bis hin zu Buchbesprechungen und Erklärungen von PR-Begriffen.

Blick über den Tellerrand
Blick über den TellerrandAlex Wunschel ist Marketing- und Kommunikationsberater und so eine Art Urgestein der deutschen Podcaster-Szene. Die einen halten ihn für einen Schwafler, die anderen für den “almighty Podpimp”. An seinem Podcast “Blick über den Tellerrand” jedenfalls kommt keiner vorbei, der sich für die aktuellen Entwicklungen im Markt mit den neuen Medien - insbesondere mit Podcasts - interessiert.

bél etage
bél etageDie wirtschaftlichen Aspekte von Web 2.0 besprechen Thomas Knüwer und Hans-Peter Siebenhaar in dem vom Handelsblatt professionell produzierten Podcast “bél etage”. Die Podcast-Folgen sind oft mit hochkarätigen Interviewpartnern aus Medien, Werbung, PR und Marketing besetzt. Volontäre der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten präsentieren ergänzend die Medien-Schlagzeilen der Woche.

Englischsprachige Podcasts

GillmorGang
Steve Gillmor ist eine der schillerndsten Figuren in Silicon Valleys Webszene. In seinem jeden Wochentag erscheinenden einstündigen Podcast (!) spricht er in einer Telekonferenz mit den Machern des Web 2.0 über die Zukunft des Internet, die – wenn es nach ihm geht – von Twitter dominiert sein wird. Doc Searls, Robert Scoble, Mike Arrington und Jason Calacanis zählen zu seinen ständigen Gästen, allein für diese prominente Besetzung lohnt das Zuhören. Wem die tägliche Web-2.0-Stunde nicht reicht, kann im ebenfalls täglich erscheinenden Schwesterpodcast NewsGang erfahren, warum Barack Obama nächster US-Präsident wird.

for immediate release
for immediate release Man braucht schon einen langen Arbeitsweg oder einen ereignislosen Feierabend, um regelmäßig alle Beiträge von Shel Holtz und Neville Hobson zu hören. Die beiden liefern zwei Mal die Woche ihren einstündigen Hobson and Holtz Report per RSS aus und dazwischenn unzählige Interviews und kurze Info-Clips. Wer bei der Informationsflut trotzdem mithält, wird mit einem umfangreichen Hintergrundwissen rund um PR, Kommunikation und Technologien im Web 2.0 belohnt.

This Week in Tech
This Week in Tech “This Week in Tech” - kurz TWiT - ist das Flaggschiff des Netcast Networks von Leo Laporte. Der US-amerikanische Journalist ist weltweit einer der erfolgreichsten Podcaster und hat sein Handwerk im professionellen Fernsehen und Radio gelernt. “This Week in Tech” glänzt vor allem mit einer hochkarätigen Besetzung an Netz-Experten und IT-Journalisten, die wöchentlich über Technologie, Web 2.0, Start-Ups und Medienkonzerne diskutieren. Dabei gewähren sie einen tiefen Einblick in die für uns Europäer so weit entfernte Welt des Silicon Valley.

net@nite

net@nite Ebenfalls zu Leo Laportes Netcast Network gehört net@nite. Die Kanadierin Amber MacArthur bespricht gemeinsam mit Leo Laporte die coolsten Webseiten, spannende YouTube-Persönlichkeiten und den Klatsch und Tratsch der amerikanischen Webszene. Net@nite wird als Live-Sendung aufgezeichnet, bei der Zuhörer anrufen und ihre Lieblingsseiten anpreisen können.

ConventionCamp

9. July 2008

Während das zweite Barcamp in Hannover noch auf sich warten lässt, haben die Jungs und Mädels der hannoverschen Webagentur w3design die Idee der Unkonferenz auf einen Internet-Kongress übertragen: Sie veranstalten am 2. Oktober 2008 an der Uni Hannover ein ConventionCamp.

Die Veranstaltung wird am Institut für Management und Marketing der Leibniz-Universität Hannover stattfinden. Inspiriert vom ersten Barcamp in Hannover möchte Ingo Stoll von w3design, der die Organisation der Veranstaltung leitet, mit dem Konzept das Prinzip eines klassischen Kongress mit den Ideen eines Barcamps verbinden. Zielgruppe: Marketing- und Internetverantwortliche, Studentinnen und Studenten und Barcamper.

Am Mittwoch, 1. Oktober 2008, 19 Uhr, findet eine Warm-Up-Party statt, nähere Infos dazu soll es in Kürze auf der Webseite zum Event geben.

(siehe auch Webschau Nicole 2.0 und Hannover 2.0)

Datum: 2. Oktober 2008

Ort: Institut für Management und Marketing, Leibniz-Uni Hannover

Für meine Masterarbeit lese ich gerade einen der beiden Forschungsbände, die Sabine Pamperrien in der Netzeitung zum Urteil “Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif” geführt haben. Hier ein paar Hinweise und Aufklärungsversuche meinerseits.

Erstmal: Jan Schmidt, einer der Herausgeber der Bände, hat auf Schmidt mit Dete bereits darauf hingewiesen: Der Netzeitung-Artikel bezieht sich auf zwei Studien, die UNTER ANDEREM in “Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web (Band 2). Strategien und Anwendungen: Perspektiven für Wirtschaft, Politik und Publizistik” veröffentlicht sind. Bei den Bänden handelt es sich weitgehend um eine Bestandsaufnahme deutschsprachiger Forschung zum Social Web, wie Jan Schmidt schreibt, es geht darin nicht ausschließlich um die deutschsprachige Blogosphäre, wie andere schrieben.

In dem Zusammenhang stimme ich Marc von der Wissenswerkstatt zu, die Rezension sei einseitig. Sie behandelt nur den Ausschnitt, der anscheinend aus Sicht von Frau Pamperrien für den aktuellen Mediendiskurs relevant ist, geht aber kaum auf den eigentlichen Hintergrund der beiden Sammelbände ein.

Medienwatchblogs

Einige der Schlussfolgerungen, die Frau Pamperrien in Bezug auf die Studie zu Medienwatchblogs zieht, konnte ich im Originaltext so nicht wiederfinden.
Hier eine Gegenüberstellung von Rezension und Originaltext:

“Journalisten interessieren sich demnach kaum dafür, weshalb die erwünschte Besserung journalistischer Qualität ihre Zielgruppe verfehlt.

Selbst ein Aushängeschild wie das Bildblog bleibt fast wirkungslos. Die Autorin der Studie folgert, dass die professionelle Akzeptanz der Medienwatchblogs abhängig von richtigen Aufdeckungserfolgen sei. Dazu aber gehöre investigative Recherche. Und die werde aktuell von Bloggern nicht betrieben” (Rezension Netzeitung)

Zitat aus der Studie:

Als Ergebnis der zweiten angewandten Methode, des Leitfadengesprächs, konnte eruiert werden, dass Bildblog als recht wirksame Kontrollinstanz zu bewerten ist. Der zum Bildblog Befragte weiß um seinen externen Kritiker, der bereits zahlreiche Korrekturen erwirkt hat. Für die übrigen Untersuchungssgegenstände hingegen ist zu sagen, dass die Befragten das jeweilige Blog zwar kennen, teilweise auch regelmäßig konsultieren, die darin vorgebrachten Kritikpunkte aber nie als so gravierend eingestuft wurden, dass sie einer Korrektur bedurft hätten.

[...]

Mehr als die Hälfte der Einträge [Anm.: im Blog Zeit/Meckern] bewirkten eine Verbesserung, und der befragte Zeit.de-Chefredakteur zeigte sich hochzufrieden mit der Arbeit der Blogger.

[...]

Um sich bei Journalisten wie bei Nicht-Medienschaffenden mehr Gehör zu verschaffen, braucht die Medienwatchblogosphäre wahrscheinlich einmal einen richtig großen Aufdeckungserfolg. (Schönherr, S.132f.)

Einen Hinweis darauf, dass eine investigative Recherche von Bloggern nicht betrieben wird, wie Sabine Pamperrien anmerkt, konnte ich im Resümee von Katja Schönherr nicht finden. Die Autorin weist lediglich darauf hin:

“Von Scoops deutschsprachiger Medienwatchblogs kann aber weder während des Untersuchungszeitraums noch insgesamt seit Bestehen der Blogs gesprochen werden” (Schönherr, S.131)

Reifegrad der deutschsprachigen Blogosphäre

Die Studie zu Reifegrad, Politisierung, Themen und Bezug zu Nachrichtenmedien ist, soweit ich das sehen kann, im Großen und Ganzen korrekt zitiert. Allerdings: Im Orginaltext wird Reifegrad als “Ausmaß der Professionalisierung des Bloggens vs. Freizeittätigkeit” (Berendt et al., S.73) definiert. Den von Pamperrien in der Überschrift gewählte Begriff “unreif” halte ich im fehlenden Kontext für irreführend, denn er lässt anders als in der Studie eine Unerfahrenheit oder Unmündigkeit der deutschsprachigen Blogosphäre vermuten.
Hier noch eine Gegenüberstellung von Ausschnitten aus Rezension und Studie:

Rezension:

Beantwortet werden können diese Fragen vermutlich erst, wenn beide Blogosphären die gleiche Reife erlangt haben. Dazu müssen Blogs zunächst einmal gesellschaftliche Relevanz erlangen.

Studie:

Ist die Politiklastigkeit der populären US-amerikanischen Blogs auf den höheren Reifegrad der Blogosphäre zurückzuführen, oder sind die Ursachen allgemein in unterschiedlichen Stellenwerten der Politik in den Gesellschaften zu suchen? Beide Fragen werden sich erst beantworten lassen, wenn deutschsprachige Blogs an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen haben und unterschiedliche Reifegrade damit als mögliche Ursache der markanten Unterschiede zwischen den Blogosphären ausgeschlossen werden können. (Berendt et al., S.95)

Die Fragen können also nicht, wie Pamperrien schrieb, beantwortet werden, sobald beide Blogosphären die selbe Reife erlangt haben. Vielmehr kann der Reifegrad als Ursache dann ausgeschlossen werden, wenn die deutschsprachigen Blogs an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen haben. Ein nicht unwesentlicher Unterschied.

Zum Schluss möchte ich noch zum einen auf den Kommentar von Markus Beckedahl hinweisen, der Gründe für die unterschiedliche Politisierung von US-amerikanischer und deutscher Blogosphäre nennt.

Zum anderen möchte ich anmerken, dass ich die beiden Tagungsbände, soweit ich das bisher beurteilen kann, für einen außerordentlichen Beitrag für die Forschung im Bereich Social Web in Deutschland halte. Ein absolutes Muss für jeden, der sich wissenschaftlich mit Social Web auseinandersetzen möchte.