Dank Twitter im Dialog mit den Lesern? (Update)
8. April 2008
Noch gibt es keine Bestätigung, ob sich hinter dem heute gestarteten Twitter-Account Mopo tatsächlich Mitarbeiter der Hamburger Morgenpost verbergen. Inzwischen scheint sich zu bestätigen, dass der Twitter-Account der Mopo nicht von Mitarbeitern der Hamburger Morgenpost geführt wird (siehe Sprechblase, ethority blog und media-ocean). Es wäre nach der Welt Kompakt die zweite Print-Zeitung gewesen, die den Micro-Blogging-Dienst für den Dialog mit ihren Lesern nutzen möchte.
“Vorsicht, Twitter tötet jeden Nerv!” schimpfte Guido Nedden noch am 15. Mai 2007 in der Rubrik Webwelt-Surfer auf Welt Online. Seine Beurteilung des damals begonnenen Hype um den Web-2.0-Dienst aus San Francisco lautete: “Twitter und Co. braucht kein Mensch. Diese Webseiten zeigen zwar, wie sich Kommunikationsmittel wie Internet und Handy miteinander verzahnen lassen. Doch die Nutzer bombardieren sich fast ausschließlich mit sinnlosen Informationen. Und das lenkt von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens ab.”
Fast ein Jahr später sieht man das im Hause Axel Springer anders. Am 4. April kündigte die Welt Kompakt sowohl in Print als auch Online an, ihren Lesern ab sofort einen besonderen Einblick in die Welt-Kompakt-Redaktion zu geben. “Interessierte User und Leser haben ab sofort die Möglichkeit, hautnah am PC oder über einen mobilen Internet-Zugang bei der Entstehung dabei zu sein”, lautete es in der Online-Ankündigung. Seitdem spricht die Welt Kompakt auf twitter.com/weltkompakt mit ihren Lesern beziehungsweise mit denjenigen unter ihnen, die es ins Web 2.0 geschafft haben. 177 Kontakte (Follower) zählt die Zeitung auf ihrem Twitter-Konto, wobei der Großteil eher zu den Stammtisch-Webzwonullern als zu den Stammlesern des Blatts zählen dürfte.
Anders als bei Twitter-Accounts mit schlichtem News-Feed (siehe nzz oder weltonline) versuchen Welt Kompakt und Hamburger Morgenpost versucht die Welt Kompakt über Twitter in den Dialog mit ihren Lesern zu treten. Diese Entwicklung zeigt, dass sich klassische Medien ernsthaft Gedanken machen, wie sie abseits eigener, kontrollierter User-Foren einen Zugang zu Rezipienten finden können. Der Einsatz von Social Media und neuen Kommunikationsplattformen, die einen offenen Dialog und eine Transparenz der Kommunikation nicht nur ermöglichen sondern geradezu erzwingen, ist eben nicht nur ein aktuelles Thema in der Unternehmenskommunikation. Er betrifft auch den klassischen Journalismus, wo viele erst jetzt erkennen, dass man im Internet nicht nur die neuen Idiotae, sondern auch die eigenen Leser antrifft.
Sicherlich, ich gebe zu, Twitter ist ein als “The Next Big Thing” völlig übergehypter Webdienst. Es ist kaum davon auszugehen, dass in ein paar Jahren jeder zweite Mopo-Leser auf dem Weg zum Zeitungskiosk erst auf dem Handy “nachtwittert”, ob sich die aktuelle Ausgabe überhaupt lohnt. Aber es ist eines von vielen Kommunikationstools im Netz, die als Social Media eine wichtige Rolle im Dialog von Kommunikatoren mit ihren Lesern spielen werden.
In Twitter haben Welt Kompakt und die Mopo (wenn auch hinter dem Account nicht die Redaktion steckt) auf jeden Fall in schon kräftig Feedback, Kritik, Tipps, Kommentare und Vorschläge bekommen. Und solange man dort weiterhin aktiv auf die Leser zugeht, dürfte das auch in Zukunft anhalten. Eine kleine Kritik hätte ich allerdings zum Schluss: Bei einem so persönlichem Kommunikationskanal wie Twitter hätte ich gerne die Namen der Redakteure und Mitarbeiter gewusst, die am anderen Ende der Leitung schreiben.
Die Seele des StudiVZ
28. February 2008
Das PR-Desaster von StudiVZ durch dieses SpOn-Interview ist nicht nur ein schönes Lehrstück für die PR-Ausbildung, sondern offenbart darüber hinaus einen erschreckenden Einblick in die Seele des Facebook-Klons. Zum Hintergrund kurz der Ablauf der bisherigen Geschichte, so wie ich ihn vermute:
StudiVZ-Boss Marcus Riecke hat wenig Ahnung von Interviewtechnik und lässt sich von einem promovierten Psychologen in einem Interview mit netter Gesprächsatmosphäre zu dieser Äußerung hinreißen:
SPIEGEL ONLINE: Konkret: Zu Ihnen kommt ein Staatsanwalt mit 30 Fotos aus StudiVZ-Profilen, die Leute anscheinend beim Kiffen zeigen. Er verlangt Klarnamen zu den Profilen und allen Kommentaren. Was machen Sie?
Riecke: Gott sei Dank dürfen wir bei Ermittlungsersuchen solche Daten nun herausgeben.
SpOn freut sich ob der zugriffssteigernden Aussage und bastelt daraus eine gewohnt boulevardeske Schlagzeile:
StudiVZ-Boss Riecke: “Gott sei Dank dürfen wir Kiffer-Fotos jetzt den Behörden geben”
StudiVZ ist schockiert und versucht alles in die Wege zu leiten, das Interview von der SpOn-Website zu nehmen. Leider beharren die Redakteure darauf, dass die Aussagen von Riecke nun mal so gefallen sind - sie erklären sich lediglich dazu bereit, die zugespitzte Schlagzeile zu ändern.
StudiVZ sendet eine Pressemitteilung aus, die Schlagzeile habe nicht den Tatsachen entsprochen. Unabhängig davon steht die von Riecke ausgesprochene kritische Interview-Passage natürlich nach wie vor im Interview-Artikel.
StudiVZ wendet sich auf seiner Plattform direkt an seine Mitglieder und versucht sie mit einer schwammig formulierten Botschaft im Kumpel-Ton zu beschwichtigen. StudiVZ hofft außerdem, dass seine Mitglieder das Interview nicht lesen und gibt keine Quelle an.
Liebe Community,
einige von Euch haben es sicher mitgekommen und waren - wie auch wir - geschockt. In der Online-Ausgabe eines Nachrichtenmagazins mit professionellem Image wurde unser Geschäftsführer Marcus Riecke falsch zitiert. Auf der beständigen Jagd nach einem neuen Skandal im Hause studiVZ wurden mal wieder Zusammenhänge aus unserer Sicht mutwillig falsch dargestellt.
In diesem Artikel hieß es zum Beispiel, dass wir Euch - salopp formuliert - an die Polizei verpetzen wenn wir Bilder von Euch beim Konsum von Cannabis sehen.
Diese Schlagzeile wurde eine halbe Stunde nach Veröffentlichung und einer Aufforderung zur Richtigstellung durch uns zwar abgemildert, was die Weiterverbreitung über andere Medien aber nicht verhindert hat.
[...]
Dass wir Daten an Strafverfolgungsbehörden - also Polizei und Staatsanwaltschaft - herausgeben müssen, wenn diese uns ein schriftliches Auskunftsersuchen zukommen lassen, ist weder neu noch unseriös, sondern dient letztlich Eurem Schutz.
[...]
Dass wir Bilder und Daten an die Polizei geben, weil Ihr Euch darauf ein gemütliches Tütchen ansteckt, ist komplett erfunden und gelogen.
So etwas tun wir nicht!
Lange Rede, kurzer Sinn: Wir geben eure Fotos nicht heraus, wenn wir lustig sind, sondern nur, wenn wir danach gefragt werden. Immerhin: StudiVZ kommuniziert, dass es gesetzlich dazu verpflichtet ist, den Behörden Auskunft zu erteilen.
Die eigentlich relevante Information, die StudiVZ seinen Mitgliedern hätte kommunizieren müssen, besteht für mich nun nicht darin, die AGBs noch mal im Gute-Nacht-Geschichten-Tonfall vorzulesen - sondern zu erklären, weshalb Riecke sich so sehr darüber freut, die Daten endlich herausgeben zu dürfen: “Gott sei Dank dürfen wir bei Ermittlungsersuchen solche Daten nun herausgeben.” Ich schließe daraus: StudiVZ fühlte sich schon immer mehr den Behörden verpflichtet als der Privatsphäre seiner Nutzer und findet es super, dass es die lästigen Datenschützer bei der Auskunftspflicht endlich los ist. Gott sei Dank habe ich mich längst abgemeldet.
Was geht hier ab?
27. February 2008
So dumm kann StudiVZ-Geschäftsführer Marcus Riecke doch gar nicht sein, oder?
SPIEGEL ONLINE: Konkret: Zu Ihnen kommt ein Staatsanwalt mit 30 Fotos aus StudiVZ-Profilen, die Leute anscheinend beim Kiffen zeigen. Er verlangt Klarnamen zu den Profilen und allen Kommentaren. Was machen Sie?
Riecke: Gott sei Dank dürfen wir bei Ermittlungsersuchen solche Daten nun herausgeben. Nutzungsdaten speichern wir bei allen Nutzern, die uns das erlaubt haben durch ihre Einwilligung.
Entweder die Blogosphäre vermutet richtig, und das Studi/Stasi/Mein/WieauchimmerVZ freut sich diebisch darüber, endlich diese asoziale kiffende Saubande in die Pfanne zu hauen, die sich seine Nutzerschaft schimpft (wohl gemerkt: Kiffen ist in Deutschland meines Wissens nicht illegal, lediglich die Abgabe von Cannabis an weitere Personen und der Besitz größerer Mengen) – oder SpOn haut gerade mal wieder ganz gewaltig seinen Wettbewerber Holtzbrinck in die Pfanne und hat das Interview getürkt. Angeblich ist es davor ja schon mit einer anderen Überschrift erschienen, die auf Druck von StudiVZ geändert wurde.
So oder so – ich bin sprachlos. Ich find’s einfach nur krass, egal wie rum ich das drehe. Aufklärung, bitte!
Kennzahlen zur Community-Forschung (1)
26. February 2008
Angestoßen durch diesen Blog-Eintrag des Soziologen und Community-Forschers Dr. Kai-Uwe Hellmann kam ich zur Ehre, auf dem BarCamp Hannover mit ihm und mit Markus Burgdorf, dem Gründer des Online-Marktplatzes amprice, eine relativ spontane Session zum Thema “Zahlenfetischismus und das Marketing von Online-Communities” zu halten. Ich fand die Diskussion mit den beiden Herren sehr spannend – nicht zuletzt deswegen, weil wir alle gänzlich unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen einbrachten.
Als bekennender Zahlenfetischist plädierte ich dafür, Plattform-übergreifende, standardisierte Modelle für die Messbarkeit der Qualität von Online-Communities zu etablieren. Demgegenüber beklagte Markus aus seinem Praktiker-Erfahrungsschatz, wie Community-Betreiber von Social Networks unterschiedliche Kennzahlen bewusst zur Wettbewerbsverzerrung einsetzen – und damit angeblich nicht nur oft erfolgreich sind, sondern auch ehrliche Anbieter zum Lügen mit Statistik zwingen. Kai-Uwe vertrat eingangs die These, die Qualität von Communities ließe sich nicht sinnvoll durch quantitative Methoden erfassen – (für mich) erstaunlicherweise bewegte er sich aber im Laufe der Diskussion immer weiter in Richtung quantitativer Messgrößen (oder muss ich diesen Eindruck unter selektiver Wahrnehmung verbuchen?). Am Schluss stand auch dank der äußerst regen Beteiligung vieler Session-Teilnehmer ein relativ homogenes Fazit im Raum:
Wir benötigen…
- …Messgrößen, die das tatsächliche Engagement und Involvement der Mitglieder einer Community abbilden. Derzeit populäre Kennzahlen – insbesondere die häufig durch Karteileichen verzerrte Mitgliederzahl – müssen an Bedeutung verlieren, denn sie transportieren erstens wenig Informationen über den tatsächlichen Zustand einer Community und werden zweitens in der Praxis mit dirty tricks getürkt.
- …eine unabhängige Instanz zur Er- und Vermittlung dieser Messgrößen, wie sie beispielsweise die IVW und die AGOF in der Reichweitenmessung darstellen. Nur so kann eine harte Währung für Community-Qualität geschaffen werden, der alle Marktpartner vertrauen.
Unter anderem durch die (lohnenswerte) zeitliche Belastung, die die Mit-Organisation des BarCamps erfordert hatte, hatte ich kaum Zeit gehabt, mich auf die Session vorzubereiten. Als völlig unbeschriebenes Blatt beim Thema Community-Forschung versuchte ich, den Input aus der Session und aus meiner einzigen Vorbereitungslektüre fortlaufend in Gedanken zu strukturieren. Vielleicht hörte der ein oder andere Session-Teilnehmer die Zahnräder in meinem Oberstübchen mahlen – heraus kam ein bescheidenes, nach der Session hastig auf Papier gekritzeltes Schema, das ich morgen versuche, hier im Blog abzubilden. Erst mal schlafen gehen…
Update
Ich bin gerade etwas unter Zeitdruck mit all den Dingen, die durch die BarCamp-Organisation liegen geblieben sind. Fortsetzung folgt deshalb später, genauso wie ich auch die Fortsetzung der Reihe zum Blog-Monitoring nicht vergessen habe. 24 Stunden pro Tag sind viel zu wenig, wer hat sich das bloß so ausgedacht…
PS: Auch Kai-Uwe Hellmann und Markus Burgdorf haben zu unserer Community-Session gebloggt.

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