Gerade erst hat Kai-Uwe Hellmann die Idee geäußert, dieses Jahr ein CommunityCamp zu organisieren, schon stecken wir mitten in der Planung. Gemeinsam mit ihm, Vivan Pein, Fabio Bacigalupo, Matias Roskos und Frank Feldmann werde ich versuchen, das Drumherum für ein themenbezogenes BarCamp am 1. und 2. November bei cimdata in Berlin auf die Beine zu stellen.

CommunityCamp Berlin 08

Wie Kai-Uwe schön beschreibt, ist das Ziel des CommunityCamps ein offener Austausch über das auch technologische, vor allem aber soziale Verhältnis zwischen Plattformbetreibern und sozialen Netzwerken im Internet. Im Mittelpunkt des Camps stehen Aspekte wie Besucherbindung, User-Loyalität, Community Affinität, Community Building, Community Metrics & Management, Mitgliederaktivität, Differenzierung nach Zentrum und Peripherie, Binnenhierarchisierung, Identifikationsgrade, Abwanderbereitschaft, Verlustängste, Verteidigungsbereitschaft, Corporate Blogs, Unternehmenskritik, Zensur etc.

Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem Team und bin sehr gespannt auf die Sessions und Gespräche, die uns auf dem CommunityCamp erwarten. Die Anmeldung erfolgt getrennt für die beiden Session-Tage auf unserer mixxt-Seite – die Listen sind geöffnet. Willkommen sind alle, die zum Gelingen des Camps beitragen möchten! Allen Interessierten, die bisher keine Erfahrung mit BarCamps sammeln konnten, sei dieser Einführungstext empfohlen.

Auf der re:publica 08 stand einem riesigen Informationsangebot  eine Heerschar von Bloggern gegenüber, die die die Dichte der Inhalte noch weiter erhöhten  - indem sie alles bloggten, twitterten und filmten, was ihnen vor das Handy oder den Laptop lief. Die Konferenz demonstrierte damit am eigenen Beispiel das Problem einer wachsenden Informationsflut im Netz. Zwei Ansätze zur Lösung lauten: Die Rezipienten müssen das Filtern und das Internet das Vergessen lernen.

“Was ist dein Fazit für die re:publica 08?” Ich war am Ende der re:publica froh, zu dieser Frage nur einmal interviewt worden zu sein. Wer sich etwas länger in der Lobby der Kalkscheune aufhielt, lief Gefahr, für sämtliche Weblogs, Podcasts und Video-Blogs des deutschsprachigen Internets sowie für eine Handvoll traditioneller Medien vor Kamera, Mikro oder Notizblock gezerrt und ausgefragt zu werden.

Eine reflektierte Antwort auf die Frage nach dem Fazit war nicht leicht. Denn mit den  zahlreichen Panels und Workshops, die auf der re:publica angeboten wurden, der totalen Berichterstattung (Felix Schwenzel sprach auf wirres.net von “Informationsdünnschiss“) und den vielen, auf der Blogger-Konferenz tatsächlich noch stattfindenden, offline-face-to-face-Gesprächen galt es erst mal den Berg an Informationen abzuarbeiten.

Diese Situation, die bei einer Konferenz für sich gerne mal selbst reflektierende Bewohner des Internets vermutlich in der Natur der Sache liegt, entspricht so ziemlich der generellen Entwicklung in der Internet-Kommunikation: Wenn jeder überall Text, Bild, Audio und Video live oder zeitversetzt ins Netz übertragen kann, werden wir von einer Informationsflut überschwemmt.

Gerrit van Aaken spricht in dem Zusammenhang in seinem Blog vom “Informations- und Kommunikationsterror” und hat seine Konten auf diversen Web-2.0-Diensten gelöscht. Ich glaube nicht, dass man dem Informationschaos gleich mit Abschalten begegnen muss. Allerdings teile ich voll und ganz seine Meinung, dass viele Informationen wie beispielsweise Twitter-Nachrichten im Netz eine Halbwertszeit haben sollten (dazu später mehr).

Auf den Filter kommt es an

Die Lösung für das Problem der Informationsflut ist der richtige Filter: Wenn wir uns durch die reale Welt bewegen, werden wir ständig mit der totalen Reizüberflutung belastet. Dennoch schafft es unser kognitives System, die Dinge zu fokussieren, die für uns in genau diesem einen Moment von Belang sind. Im virtuellen Raum reicht dafür das kognitive System nicht aus, wir brauchen technische Hilfsmittel. Ein Beispiel: Um im Strom von hunderten Weblog-Artikeln die Übersicht zu behalten, können uns News-Aggregatoren wie Techmeme oder Rivva dabei helfen, die Informationen in Kontexten zusammenfassen. Hätten wir dazu noch die Möglichkeit eines persönlichen Filters, der Inhalte nach unseren Interessen und Relevanz gewichtet, kommen wir einem optimalen Informationsfilter schon sehr nahe. Ähnliche Tools fehlen bei vielen der neuen Web-2.0-Diensten wie Twitter. Hashtag-Suchmaschinen wie twemes.com oder hashtags.org sind ein erster Schritt in diese Richtung.

In dem Moment, in dem ich die Informationen der Massenmedien mit denen von Online-Magazinen, Blogs, Podcasts, Webseiten, Microblogs und denen aus meinen Social Networks und privaten Netzwerken in einen Topf werfen kann und am Ende einen für mich effizienten Stream an Inhalten erhalte, hat das System Erfolg. Aus der Flut der Informationen kann ich meinen Teil je nach Bedarf abschöpfen.

Das Netz vergisst nichts

Beim Filtern der Informationsflut bin ich optimistisch: Wir werden dafür in Zukunft Lösungen finden. Das andere Problem, das Gerrit angesprochen hat, wiegt deutlich schwerer: Informationen bleiben im Netz für immer gespeichert. Harvard-Professor Viktor Mayer-Schönberger hat es in seiner Keynote “Nützliches Vergessen” auf der re:publica sehr treffend dargelegt. War bisher Vergessen leicht und Erinnern schwierig, hat sich das mit dem Internet als allumfassender Speicher unseres kollektiven Gedächtnisses umgedreht. Der Faktor Zeit in Hinblick auf Kommunikation und Information verliert seine Bedeutung, Informationen werden für immer und ewig gespeichert. Dabei ist das Vergessen wichtiger Bestandteil unseres kognitiven Systems und unserer Gesellschaft. Ohne Vergessen bleiben Informationen für immer erhalten, auch wenn ihr Kontext längst verloren ist.

Um diesem zu entgehen, schlägt Mayer-Schönberger vor, dem Netz das Vergessen beizubringen und Informationen ein Verfallsdatum zu geben. Das stellt, meine ich, eine ziemlich unmögliche Aufgabe dar. Denn dazu müssten über Länder- und Kulturgrenzen hinweg alle am Netz beteiligten Parteien fernab möglicher kommerziellen Interessen mithelfen.

Dennoch ist es richtig: Wenn das Internet nicht lernt zu vergessen, dann kann jedes auf einer Party gemachte Foto, jede Jugendsünde oder Peinlichkeit zur ewigen Bürde werden. Und spätestens wenn Suchmaschinen Audio-Inhalte indexieren und die Personensuche anhand von Gesichtserkennung in Bild und Video möglich sein wird, wird das alle von uns in einem nie gekannten Ausmaß betreffen. Wie es funktionieren kann, weiß ich nicht, aber Professor Mayer-Schönberger hat recht: Das Netz muss das Vergessen lernen.

Und das Fazit?

“Was ist dein Fazit für die re:publica 08?” Die Frage stellte mir am Freitag Abend nach drei langen Konferenztagen der jovelstefan für seinen Podcast. Ich hätte ihm sagen können, dass mir die meisten Workshops und viele der Panels neue Impulse gegeben haben, dass die Podiumsdiskussionen teilweise interessant waren,  aber einige auch etwas zäh und am Thema vorbei. Auch 2008, so hätte ich sinnieren können, sind Blogger manchmal etwas selbstreferentiell, aber ein interessantes Gespräch kann man mit jedem und jeder von ihnen führen. Ich hätte ihm sagen können, dass für mich bicyclemark ein perfekte Beispiel für das ist, was ich am Bloggen und dem Internet so spannend finde, und dass Berlin wie immer war: Berlin halt. Ich hätte ihm sagen können dass ich keine Wiener im Brötchen mehr sehen kann und noch nie so viel Club Mate getrunken habe.

Als mich jovelstefan fragte, hatte ich all diese Informationen in meinem Kopf noch nicht ausreichend filtern und das Drumherum-Rauschen noch nicht vergessen können. Stattdessen lautete deshalb mein Fazit, als er mir am Abend das Mikro vor die Nase hielt: “äähhmahmgmähmhmahmmm…”

Kai-Uwe Hellmann plant für Anfang November ein CommunityCamp und sucht nach Mitstreitern in Berlin, die sich an der Organisation beteiligen möchten.

Gegenstand dieses Themencamps wäre alle Fragen rund um das Verhältnis von Plattformbetreiber und sogenannten Online Communities, präziser: sozialen Netzwerken. Im Mittelpunkt meines Interesses stehen Aspekte wie Besucherbindung, Loyalität, Community-Affinität, Mitgliederaktivität, Zentrum/Peripherie-Verhältnis, Identifikationsgrade, Abwanderbereitschaft, Verlustängste, Community Building, Community-Management, Community Metrics & Messung, Corporate Blogs, Unternehmenskritik, Zensur.

Dr. Hellmann beschäftigt sich als Soziologe mit “Commercial Communities” und ist einer der wenigen deutschen Wissenschaftler, die (ganz im Sinne der Wissenschaft 2.0) intensiv bloggen und an BarCamps teilnehmen. Zum bisher ersten Mal fand ein dezidiertes CommunityCamp vor kurzem in Dallas statt. In Deutschland ist seit einigen Monaten ein Trend hin zu themenspezifischen Camps beobachtbar – und gerade aufgrund der großen Aufmerksamkeit, die Communities in der deutschen Gründer- und Medienszene erfahren, besteht an einem CommunityCamp bestimmt großes Interesse. An Diskussionsbedarf mangelt es jedenfalls nicht.

Angestoßen durch diesen Blog-Eintrag des Soziologen und Community-Forschers Dr. Kai-Uwe Hellmann kam ich zur Ehre, auf dem BarCamp Hannover mit ihm und mit Markus Burgdorf, dem Gründer des Online-Marktplatzes amprice, eine relativ spontane Session zum Thema “Zahlenfetischismus und das Marketing von Online-Communities” zu halten. Ich fand die Diskussion mit den beiden Herren sehr spannend – nicht zuletzt deswegen, weil wir alle gänzlich unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen einbrachten.

Als bekennender Zahlenfetischist plädierte ich dafür, Plattform-übergreifende, standardisierte Modelle für die Messbarkeit der Qualität von Online-Communities zu etablieren. Demgegenüber beklagte Markus aus seinem Praktiker-Erfahrungsschatz, wie Community-Betreiber von Social Networks unterschiedliche Kennzahlen bewusst zur Wettbewerbsverzerrung einsetzen – und damit angeblich nicht nur oft erfolgreich sind, sondern auch ehrliche Anbieter zum Lügen mit Statistik zwingen. Kai-Uwe vertrat eingangs die These, die Qualität von Communities ließe sich nicht sinnvoll durch quantitative Methoden erfassen – (für mich) erstaunlicherweise bewegte er sich aber im Laufe der Diskussion immer weiter in Richtung quantitativer Messgrößen (oder muss ich diesen Eindruck unter selektiver Wahrnehmung verbuchen?). Am Schluss stand auch dank der äußerst regen Beteiligung vieler Session-Teilnehmer ein relativ homogenes Fazit im Raum:

Wir benötigen…

  1. …Messgrößen, die das tatsächliche Engagement und Involvement der Mitglieder einer Community abbilden. Derzeit populäre Kennzahlen – insbesondere die häufig durch Karteileichen verzerrte Mitgliederzahl – müssen an Bedeutung verlieren, denn sie transportieren erstens wenig Informationen über den tatsächlichen Zustand einer Community und werden zweitens in der Praxis mit dirty tricks getürkt.
  2. …eine unabhängige Instanz zur Er- und Vermittlung dieser Messgrößen, wie sie beispielsweise die IVW und die AGOF in der Reichweitenmessung darstellen. Nur so kann eine harte Währung für Community-Qualität geschaffen werden, der alle Marktpartner vertrauen.

Unter anderem durch die (lohnenswerte) zeitliche Belastung, die die Mit-Organisation des BarCamps erfordert hatte, hatte ich kaum Zeit gehabt, mich auf die Session vorzubereiten. Als völlig unbeschriebenes Blatt beim Thema Community-Forschung versuchte ich, den Input aus der Session und aus meiner einzigen Vorbereitungslektüre fortlaufend in Gedanken zu strukturieren. Vielleicht hörte der ein oder andere Session-Teilnehmer die Zahnräder in meinem Oberstübchen mahlen – heraus kam ein bescheidenes, nach der Session hastig auf Papier gekritzeltes Schema, das ich morgen versuche, hier im Blog abzubilden. Erst mal schlafen gehen…

Update

Ich bin gerade etwas unter Zeitdruck mit all den Dingen, die durch die BarCamp-Organisation liegen geblieben sind. Fortsetzung folgt deshalb später, genauso wie ich auch die Fortsetzung der Reihe zum Blog-Monitoring nicht vergessen habe. 24 Stunden pro Tag sind viel zu wenig, wer hat sich das bloß so ausgedacht…

PS: Auch Kai-Uwe Hellmann und Markus Burgdorf haben zu unserer Community-Session gebloggt.

Barcamp Hannover Logo

Heute wurden die Anmeldelisten für das BarCamp Hannover geöffnet, das am 23. und 24. Februar an meiner Uni steigen wird. Achim und ich würden uns als Teilnehmer und Mit-Orgas freuen, bei dieser Gelegenheit einige Leser von internetszene.com in natura zu sehen. Jemand dabei?

Update: Sascha Aßbach zeigt sehr anschaulich, wie die Anmeldung funkioniert.